Offener Brief

von Dr. Andreas Eiyng, 25.8.2023
Leiter des Emslandmuseums Lingen,
Dozent für Baudenkmalpflege und Restaurierung

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Moritz,

heute schreibe ich Ihnen als Denkmal- und Museumsexperte, als Mitautor der Stadtgeschichte Lippstadts zum großen Jubiläumsjahr 1985 und als Freund der Lippstädter Altstadt.

Aus den Medien habe ich erfahren, wie es um den Zustand ihres Museumsgebäudes steht. Und da ist man wirklich fassungslos!

Wo jeder private Bauherr schon aus Gründen der Schadensabwehr einen Sturmschaden mal eben reparieren lässt und das Ganze über die Versicherung abwickelt, wird hier von einer Baubehörde, die gleichzeitig die Untere Denkmalbehörde bildet, ein wichtiges Baudenkmal in der Lippstädter Altstadt, und zudem noch im Besitz der Stadt, über einen längeren Zeitraum schlichtweg seinem Schicksal überlassen. Und das in einer Zeit, in der Starkregen bekanntlich jederzeit zu erwarten ist. Da fehlen einem die Worte.

Ein Treppenwitz, dieser Vorgang irgendwo zwischen behördlicher Behäbigkeit und wieherndem Amtsschimmel, über den man herzhaft lachen könnte, wenn die Folgen nicht so dramatisch wären.

Es handelt sich schließlich nicht um irgendein Gebäude, sondern um eines der bedeutendsten Bürgerhäuser des 18. Jahrhunderts in Wes`alen mit wertvollen Stuckdecken der Rokoko-Zeit. Diese empfindlichen Stuckarbeiten haben 250 Jahre lang Regen und Stürme, Kriegs- und Notzeiten überstanden und sind nun durch die Schlafmützigkeit einer offenbar heillos überforderten Eigentümerin, der Stadt Lippstadt, gefährdet. Unglaublich!

Und der Skandal wird dadurch perfekt, dass es sich auch noch um ein Museumsgebäude mit einzigartigen Schätzen aus der Geschichte der Stadt und der Region handelt.

Wie hier eine Kommune und Denkmalbehörde mit einem eigenen Baudenkmal und mit wertvollem Kulturgut aus eigenem Besitz umgeht, das schein mir wirklich verantwortungslos.

Ich hoffe nur, dass die Verantwortlichen jetzt rasch ein Einsehen haben und die notwendigen Schrife zügig einleiten: Reparatur des Daches, Bestandsanalyse des Gebäudes mit allen historischen Bauteilen und allen Schadensbildern, Erstellung eines Restaurierungs- und Nutzungskonzeptes auf dieser Grundlage und letztlich dann auch die Umsetzung eines Museumskonzeptes, wie es einer Stadt mit dem Anspruch Lippstadts würdig ist.

Herr Moritz, wenn in Lippstadt der Eindruck erweckt wird, ein von Frau Dr. Schönebeck als Museumsleiterin erstelltes Museumskonzept sei quasi ihre "Privatsache", so muss dem deutlich widersprochen werden. Frau Dr. Schönebeck ist eine in ganz Wes`alen geschätzte Museumsexpertin und auch in der Wissenschaftlichen Kommission für Alltagskultur beim LWL in Münster schätzen wir, das darf ich als zweiter Vorsitzer ruhig sagen, Frau Dr. Schönebeck als unser Kommissionsmitglied, als Wissenschaftlerin und als Kollegin sehr.

Es ist doch im Grunde selbstverständlich, dass ein so exponiertes Bürgerhaus nicht nur die Hülle für eine Ausstellung, sondern das wichtigste Exponat selber bildet und außerdem als historisches Gebäude einen idealen Rahmen für eine Darstellung der bürgerlichen Kultur Lippstadts im 18. und 19. Jahrhundert bietet.

Über Themen wie einen Lippekahn kann man selbstverständlich streiten – das ist jedermanns und jederfraus Recht. Nur so viel steht fest: Lippstadt stände nicht an dieser Stelle ohne die Lippe. Sie ist die Keimzelle der Stadt. Und, auch wenn es banal klingt, erkennt man übrigens schon am Namen.

Mit freundlichem Gruß

gez.

Dr. Andreas Eiynck

Leiter des Emslandmuseums Lingen

Dozent für Baudenkmalpflege und Restaurierung

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